Tirol ORF.at
wetter.ORF.at
DI | 14.02.2012
Laborschwein im Schnee (Bild: ORF)
WISSENSCHAFT
Schweineversuch: War Abbruch ein Fehler?
Das abrupte Abbrechen der Schweineexperimente hat nicht nur Zustimmung ausgelöst. In Höhenmedizin- und Wissenschaftskreisen sieht man darin einen Rückschlag für die Notfallmedizin und eine Schwächung der gesetzlichen Kontrollinstanzen.
Protestwelle führte zu Abbruch
Wissenschaftler hatten lebendige Schweine in Schneemassen verschüttet und sie beim langsamen Ersticken und Erfrieren beobachtet. Eine landesweite Protestwelle führte schließlich dazu, dass die Forscher von der Medizinischen Universität Innsbruck die Studie nach zehn von 29 geplanten Experimenten abbrachen.
Prof. Dietrich und Student mit Ratte (Bild: Uni/Saurwein)
Mediziner lernen bei Dietrich, Versuchstiere richtig zu behandeln.
Notarzt hätte mehr Möglichkeiten
Hermann Dietrich, tierärztlicher Leiter der Versuchstieranlage der Medizin-Uni Innsbruck, ist Mitglied der Kommission. Mit dem Abbruch des Versuchs, dessen Bedingungen er an Ort und Stelle kontrolliert hat, "nimmt man dem Notarzt eine zusätzliche Chance, dem Verschütteten das Leben zu retten".

Dietrich, der Medizinern den richtigen Umgang mit Tieren beibringt, sieht in dem umstrittenen Setting in Vent "wissenschaftlich hohe Qualitätsstandards eingehalten".

Ein Schwein, das im Lkw zum Schachthof gekarrt werde, habe wesentlich mehr Stress als eines, das in tiefer Narkose im Schnee vergraben werde, so Dietrich.
Begründet genehmigt
Die Kommission für Tierversuchsangelegenheiten im Wissenschaftsministerium (oft als "Tierethikkommission" bezeichnet) begründet in einer Stellungnahme, warum das Experiment erlaubt war: Auf diesem Forschungsgebiet gebe es noch keine bekannten Ergebnisse, es sei sichergestellt, dass die kleinstmögliche Zahl an Tieren dafür herangezogen werde und dass diese nicht über Gebühr belastet würden. Neben diesen formalen wurden auch die wissenschaftlichen Kriterien überprüft.
Dr. Fidel Elsensohn (Bild: privat)
Fidel Elsensohn: "Ironie des Schicksals - hätte man die Schweine im Labor im Kunstschnee vergraben, wären die Ergebnisse bei weitem nicht so aussagekräftig, aber dafür hätte der Versuch ungestört abgeschlossen werden können."
Bisher kaum Erkenntnisse über Todesursache
Auch die alpine Notfallmedizin sieht im Abbruch einen Erkenntnisstillstand. Fidel Elsensohn, Bundesarzt der Österreichischen Bergrettung und Präsident der Internationalen Kommission für alpine Notfallmedizin, spricht von "verheerenden Auswirkungen". Da in Österreich Lawinenopfer nicht zwangsläufig obduziert werden, fehlt oft die sicher nachgewiesene Todesursache bei Lawinenopfern.

Ohne die Schweinestudie gebe es keine aus Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse über die Wechselwirkungen zwischen Sauerstoffmangel, Kohlendioxidüberschuss, Unterkühlung und Schnee. Diese seien aber wichtig, um Lawinenverschüttete adäquat zu behandeln. Überraschende Befunde, z. B. sechs Stunden überlebt in Hochfügen oder 17 Stunden in der Schweiz, könnten deshalb oft nicht erklärt werden.
Was hätte untersucht werden sollen?
In dem Experiment sollte die Wechselwirkung zwischen den positiven Folgen der Körperabkühlung, etwa verringerter Grundumsatz und Sauerstoffverbrauch, und den negativen Folgen, z. B. Sauerstoffunterversorgung des Gehirns und erhöhter Kohlendioxidgehalt im Blut, erforscht werden.

Um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, nicht-übertragbare Ergebnisse zu produzieren, übersiedelten die Wissenschafter vom Unilabor samt Kunstschnee in jene Höhen, in denen Lawinenverschüttungen in echtem Schnee stattfinden.
Zwischen Scientific Community und Volkszorn
Bei den Wissenschaftlern handle es sich nicht um zwei Wahnsinnige, sondern Experten mit internationaler Reputation. Es sei eine unglaubliche Diskrepanz, "dass sich 'Nature', das beste Wissenschaftsmagazin, um die Ergebnisse bemüht, während die Forscher unter Polizeischutz den Ort verlassen mussten", sagt Elsensohn.
Raimund Margreiter (Bild: ORF)
Margreiter würde wegen Rufschädigung vorgehen.
Auf Schadenersatz klagen?
Der frühere Chef der Transplantationschirurgie, Raimund Margreiter, betonte, dass der Abbruch des Experiments "auf Zuruf" alle damit befassten Institutionen infrage stelle. Er anstelle der betroffenen Forscher würde auf Schadenersatz klage, sagte Margreiter im Interview.

Ulrike Finkenstedt, tirol.ORF.at
Ganz Österreich
Tirol News

 
TV-Programm TV-Thek Radio Österreich Wetter Sport IPTV News