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MI | 11.04.2012
Bild: ORF
Sensationsfund
130 Herrscherbriefe aus Stauferzeit
Ein historischer Sensationsfund ist in der Universitätsbibliothek Innsbruck gemacht worden. Ein unscheinbarer Pergamentcodex entpuppte sich als einzigartige Quellensammlung.
200 Abschriften von Briefen und Mandaten.
Pergamentcodex
In einem 700 Jahre alten Pergamentcodex wurden rund 200 Abschriften von Briefen und Mandaten des römisch-deutschen Kaisers Friedrich II. (gest. 1250), seines Sohnes Konrad IV. und anderer Persönlichkeiten des 13. Jahrhunderts entdeckt. Rund 130 dieser Dokumente aus dem Mittelalter waren der Forschung bisher noch nicht bekannt.
Sammlung aus der Kartause Allerengelberg
sensationsfund Foto APADie Sammlung stammt aus der Kartause Allerengelberg in Schnals in Südtirol und befindet sich seit dem 18. Jahrhundert im Besitz der Innsbrucker Universitätsbibliothek. Dass die einzigartigen Dokumente so lange unentdeckt in der Bibliothek schlummerten, liegt laut den Entdeckern unter anderem am "nichts sagenden bzw. irreführenden Titel des unscheinbaren, kleinformatigen Codex", der "Notule rhetoricales diverse" ("Verschiedene rhetorische Anmerkungen") lautet.
Vergleich mit Ötzi-Fund.
Ausgesprochener Glücksfall
Entdeckt und identifiziert wurden die Texte vom pensionierten Direktor der Universitätsbibliothek Walter Neuhauser und dem Innsbrucker Mittelalterhistoriker Josef Riedmann. Das Auftauchen einer derartigen Menge hochwertiger neuer Quellen aus dem Mittelalters sei extrem selten und ein ausgesprochener Glücksfall, erklärten die Finder. Der Vergleich mit dem Ötzi-Fund dränge sich auf.
Wissen über die späte Stauferzeit
"Unsere Fundstücke sind wahrscheinlich nicht ganz so öffentlichkeits- und werbewirksam wie der Mann aus dem Eis", relativierte Riedmann. Dennoch stehe laut Expertenmeinung außer Zweifel, dass der Innsbrucker Codex das Wissen über die späte Stauferzeit bedeutend erweitern werde. Das betreffe vor allem die kurze Regierungszeit Konrads IV. (gest. 1254), dessen Biografie nach diesem Fund wohl neu geschrieben werden müsse.
Uni-Fund Foto APA
In einem 700 Jahre alten Pergamentcodex wurden rund 200 Abschriften von Briefen und Mandaten des Kaisers Friedrich II, seinens Sohnes Konrad IV. und anderer Persönlichkeiten des 13. Jahrhunderts endeckt.    FOTO: APA
Verdreifachung
Die Zahl der bekannten, von diesem Herrscher ausgestellten Schreiben werde durch die neuen Texte etwa verdreifacht. Die Dokumente zeigen, dass Konrad diplomatische Beziehungen mit dem Papst, dem byzantinischen Kaiser, den Königen von Ungarn, Frankreich, Kastilien, England und Navarra und zum Dogen von Venedig unterhielt.

Die meisten Briefe und Mandate betreffen aber sein süditalienisches Erbkönigreich. Wie die Texte belegen, versuchte er dort mit starker Hand die Widerstände gegen seine Machtübernahme niederzuringen.
Hochpolitischer Inhalt
Aber nicht alle Innsbrucker Dokumente haben einen hoch politischen Inhalt. Sie zeigen auch, dass Konrad, ganz in der Tradition seines Vaters Friedrich II., mit seinen Beamten vor Ort über die Regelung von Alltagsproblemen seiner Untertanen, etwa Erbstreitigkeiten, korrespondierte. Auch mit "Verwaltungs-Kleinkram" hatte sich der Herrscher zu befassen. Die Kanzlei erließ beispielsweise die schriftliche Erlaubnis, in einer Nebenstraße zwei Häuser eines Besitzers durch einen Bogen zu verbinden, erklärte Riedmann.
Dokumente wirtschaftspolitischer Maßnahmen
Andere Schreiben genehmigten den Bau einer Mühle mit der dafür notwendigen Wasserzuleitung oder ordneten an, Brücken in gutem Zustand zu halten. Die Dokumente belegen auch wirtschaftspolitische Maßnahmen wie etwa den Ausbau der Hafenanlagen von Barletta und Salerno.
Um 1300 entstandene Texte
Neben Texten von Konrad IV. und Friedrich II. finden sich im Innsbrucker Sammelcodex auch Schreiben mehrerer Päpste, des Königs von Jerusalem, ägyptischer Sultane und anderer Herrscher dieser Epoche. Darüber, wie und warum die um 1300 entstandenen Abschriften ins Südtiroler Kartäuserkloster Allerengelberg (gegründet um das Jahr 1327) gelangten, kann zurzeit nur spekuliert werden.
Foto ORF Stilistische Schreibvorlagen
Riedmann hält es für möglich, dass die Texte als stilistische Schreibvorlagen für die Mönche dienten. Wahrscheinlich hatte der Kopist indirekt Zugriff auf Konzepte, die in der Kanzlei Friedrichs und Konrads aufbewahrt waren. In die Universitätsbibliothek Innsbruck kam die Handschrift nach der Aufhebung des Klosters im 18. Jahrhundert.
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