Tirol ORF.at
MI | 11.04.2012
INTERVIEW
Rudi Mair: Ein Leben mit der Lawine
Rudi Mair, der Chef des "Lawiwadi", steht derzeit unter Hochdruck. Er ist konfrontiert mit Lawinentoten und Hunderten Fragen, die ihm täglich Wintersportler und Medien stellen. Und wehe, er stellt eine falsche Prognose. Ein Profi gibt Antworten.
tirol.ORF.at: Wie geht es Ihnen in Tagen wie diesen? Sie haben alle Hände voll zu tun. Die Lawinensituation ist äußerst kritisch. Andererseits müssen sie alle Medien bedienen, Sie wurden heute schon von Tirol Heute, Radio Tirol, der ZIB in Wien interviewt, jetzt auch noch von tirol.ORF.at.
Rudi Mair: Es stimmt, so eine kritische Lawinensituation wie derzeit ist immer ein großer Druck. Es ist medial sehr viel los, wir werden sehr viel angerufen, müssen viele Interviews geben, viele Auskünfte, müssen auch beratend tätig sein. Das gehört einfach zum Job, auch wenn es anstrengend ist, ich kann gut damit umgehen.
tirol.ORF.at: Sie arbeiten, gemeinsam mit Patrick Nairz, ein halbes Jahr ohne einen einzigen freien Tag durch. Sie haben zwischen November und Mai nie frei, wie schaffen Sie das?
Rudi Mair und Patrick Nairz bei der Arbeit (Bild: LWD)
Rudi Mair und Patrick Nairz bei der Arbeit.
Rudi Mair: Ich mache das seit 20 Jahren, ich arbeite seit 20 Jahren ohne eine einzige Stunde Krankenstand. Wir sind ja auch sehr viel draußen, was dazu beiträgt, dass wir fit bleiben. Vom Kopf her ist es schon anstrengend, aber man muss den ganzen Winter miterleben. Ich sage immer: jeder Winter ist wie ein Buch, das neu geschrieben wird. Kein Winter ist gleich wie der andere. Jeder ist ein neuer, den die Natur schreibt. Und dieses Buch muss man von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen. Das heißt, ich kann nicht eine Woche dazwischen auf die Seychellen fliegen, weil dann fehlt mir ein Teil vom Wetter, ein Teil vom Schneedeckenentwicklung, und dann kann man nicht mehr so gute Prognosen machen.
tirol.ORF.at: Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen? Wenn Sie in der Früh aufwachen, dann, nehme ich an, schauen Sie als erstes aus dem Fenster?
Rudi Mair: Stimmt. Ich schaue, ob die Wetterprognose vom Vortag stimmt, ob es in der Nacht geschneit hat, wie der Wind ist. Um 5.00 Uhr ist Tagwache, zwischen 5.30 und 6.00 Uhr bin ich im Büro. Als erstes hole ich die ganzen Wetterdaten ein. Wir haben über 100 hochalpine Wetterstationen über ganz Tirol verteilt. Die müssen wir uns im Detail anschauen, wo hat es wieviel geschneit? Wie war der Wind? Wie war die Temperatur?

Wir haben eine Fülle von Wetterbeobachtern, die uns Daten liefern, oft bekommen wir Fotos gemailt. Zum Beispiel vom Hüttenwirt der Franz Sennhütte im Oberbergtal. Wir telefonieren dann mit diesen Beobachtern und bekommen einen Eindruck aus diesen Gebieten.

Dann haben wir jeden Tag ein Expertengespräch mit den Meteorologen der Wetterdienststelle Innsbruck. Da klären wir die Wetterentwicklung im Detail ab. Und aus dieser ganzen Fülle von Informationen versuchen wir dann ein Bild zu bekommen.
tirol.ORF.at: Und dann sind sie auf ORF Radio Tirol zu hören, mit dem aktuellen Lawinenwarndienst..
Rudi Mair: ..ja, ein Stress, kurz nach halb 8 die Livedurchsage auf Radio Tirol. Das ist unsere Deadline. Bis dorthin muss unsere Prognose stehen. Wir haben Tirol in 12 Regionen unterteilt. Müssen für jede Region eine eigene Gefahrenstufe erstellen. Also in der Früh ist es sehr stressig, da sind wir schon sehr gefordert.

Beim Lawinenabgang am Saupanzen im Alpbachtal wurde ein Tourengeher am 31. Jänner 2010 verschüttet. Einen Tag später analysiert Rudi Mair den Lawinenkegel.
tirol.ORF.at: Und danach ziehen Sie die Ski an und gehen ins Gelände?
Rudi Mair: Ja, drei bis vier Mal die Woche sind wir im Gelände unterwegs. Entweder schauen wir zu einem unserer Beobachter, wenn er uns auf etwas Besonderes aufmerksam gemacht hat. Wir schauen uns alle Lawinenabgänge an, vorallem jene, mit Verletzten oder Toten, oft auch mit dem Hubschrauber. Das wird von uns alles dokumentiert, meistens gemeinsam mit der Alpinpolizei. Außerdem sind wir bei vielen Ausbildungskursen miteingebunden, für Skilehrer, Bergführer, für die Bergrettung. Diese Ausbildungen finden oft auf Hütten statt. Und da können wir dann auch hier Stabilitätstests für den Schneedeckenaufbau machen.
Mair beim erstellen eines Schneeprofils (Bild: Lawiwadi)
Rudi Mair und Patrick Nairz untersuchen den Aufbau der Schneedecke mit Hilfe eines Schneeprofils.
tirol.ORF.at: Wie wichtig sind für Sie Hubschrauberflüge?
Rudi Mair: Sehr wichtig. In kritischen Fällen, wenn wir wissen, dass sehr viel Schnee kommen wird oder die Lawinensituation kritisch ist, helfen diese Erkundungsflüge enorm. Ich kann mir ganz Westtirol an einem Tag anschauen, und zwar von oben. Ich sehe das, was mich am meisten interessiert: wie viel Schnee liegt tatsächlich auf den Bergen? Wohin hat der Wind den Schnee verfrachtet? Und ich sehe exakt die Lawinenaktivität. Sind Lawinen abgegangen? Wieviele? In welchen Hangbereichen? Also genau das, was uns so brennend interessiert.
tirol.ORF.at: Wie groß ist die psychische Belastung für einen Lawinenwarner? Sie checken ja die Lage für manchmal tausende Tourengeher am Tag ab. Haben Sie oft Angst, dass Ihr Lagebericht nicht stimmen könnte?
Rudi Mair: Ich weiß, dass wir so sorgfältig arbeiten, dass wir strafrechtlich nicht belangt werden können. Wir sind jeden Tag so nah an der Situation, dass man das Gefühl hat, wir können es nicht viel besser machen. Und wir werden auch bestätigt von den Profis. Wir wurden vom deutschen Bergführerverband überprüft. Die haben über 600 Tourentage ausgewertet, inwiefern die Prognose mit den Gegebenheiten draußen übereingestimmt hat. Und wir haben eine Übereinstimmung von 95 Prozent! Das heißt von 100 Berichten waren 95 richtig. Damit kann ich sehr gut leben. Damit sind wir nahe an der Perfektion.
tirol.ORF.at: Die Lawinenwarnstufe 3 ist jene Gefahrenstufe, bei der die meisten Toten und Verletzten zu beklagen sind. Wie erklären Sie sich das?
Rudi Mair: Das stimmt. Die Lawinenwarnstufe 3 wird unterschätzt. Jemand, der vom Schnee nur weiß, dass er weiß und kalt ist, und dass man darauf skifahren kann, der ist bei einer solchen Gefahrenstufe sicher heillos überfordert.
tirol.ORF.at: Gibt es ein Kommunikationsproblem zwischen dem Lawinenwarndienst und den Konsumenten? Sollte man sich nicht überlegen, dieser Warnstufe nach außen einen anderen Namen zu geben, damit sie besser verstanden wird?
Rudi Mair: Wir haben letztes Jahr die internationale Tagung der Lawinenwarndienste hier in Innsbruck gehabt. Da waren die 70 besten Lawinenwarner der Welt zu Gast. Und da wurde genau dieses Problem der Stufe 3 mit der Benennung besprochen. "Erheblich" drückt ja wirklich nicht die Gefährlichkeit dieser Warnstufe aus. Und da haben wir besprochen, ob man nicht diese Stufe 3 neu benennt, sie mit "groß" bezeichnet. Allerdings gibts da gewisse Widerstände von Ausbildungsverbänden und von Bergführerverbänden. Aber das Thema ist nicht vom Tisch. Wir werden weiter darüber diskutieren, damit der Warncharakter dieser Stufe deutlicher wird.
tirol.ORF.at: Kommt es in Tirol eigentlich überdurchschnittlich häufig zu Lawinenunfällen? Oder hat man nur dieser Tage dieses Gefühl?
Rudi Mair: Eigentlich passiert gar nicht so viel. Jeder Winter hat üblicherweise fünf, sechs kurze Perioden, wo sich die Lawinensituation zuspitzt. Wenn man diese Perioden vermeidet, ist man auf der sicheren Seite. Man sieht es jetzt im Jänner: es gab wenig Schnee, es war kalt, man hat fast alles fahren können. Und dann plötzlich ein bisschen Neuschnee, ein bisschen Wind und innerhalb von Stunden ist die Lawinenwarnstufe von 1 auf 3 angestiegen. Und das haben viele nicht verstanden, dass sie die Lawinensituation in kurzer Zeit so zuspitzen kann.
tirol.ORF.at: Wird es in den nächsten Tagen Entspannung geben?
Rudi Mair: Das hängt ganz und gar vom Wetter ab. Am Wochenende soll noch etwas Schnee dazukommen. Der Wind ist auch noch ein Thema. Da wird sich die Situation nicht entspannen. Und danach wäre eine Erwärmung gut. Dann könnte sich der Schnee setzen und verfestigen. Schnee und Wind wäre wieder sehr ungünstig.
tirol.ORF.at: Sie sind jetzt noch bis ins späte Frühjahr mit den Lawinen beschäftigt. Was machen Sie eigentlich im Sommer? Urlaub?
Rudi Mair: Der Sommer ist natürlich viel entspannter. Aber auch in dieser Zeit fallen viele Arbeiten an. Das Internet muss überarbeitet werden, der Lawinen-Jahresbericht muss geschrieben werden, oder wir planen neue Wetterstationen. Das müssen wir alles im Sommer machen.
tirol.ORF.at: Also machen Sie keinen Urlaub?
Rudi Mair (lacht): Doch, doch, aber nicht so lang, und nicht auf den Seychellen. Wir sind immer auf einer Almhütte in Osttirol, auch wenns komisch klingt. Die Kinder mögen das.
Brita Bauer; ORF Tirol
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