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MI | 11.04.2012
Archiv Psychiatrie des LKH in Hall (Bild: APA/TILAK)
HALL IN TIROL
Vermutlich Gräber von NS-Opfern entdeckt
Im Zuge eines Bauprojektes im Krankenhaus Hall in Tirol wurde ein Gräberfeld mit Überresten von etwa 220 Personen entdeckt. Laut TILAK bestehe der Verdacht, dass zumindest ein Teil der Toten Opfer des NS-"Euthanasie"-Programms sind.
Erschütternde Details entdeckt
Laut TILAK sollte für ein Bauprojekt eigentlich der alte Anstaltsfriedhof ausgegraben werden. Bei den Vorbereitungen für diese Arbeiten wurde das Gräberfeld mit den Überresten von 220 Personen entdeckt. Nachforschungen hätten ergeben, dass die Verstorbenen zwischen 1942 und 1945 bestattet worden seien, heißt es in einer Aussendung der TILAK.
Gräberfeld bei Hall (Bild: APA/Nina Heizer)
Unter diesem Feld beim Psychiatrischen Krankenhaus Hall vermuten Historiker die Gräber von 220 Menschen, die Opfer des NS-"Euthanasie"-Programms sein könnten.
Wolfgang Markl (Bild: ORF) Zeit nach 1942 noch nicht untersucht
Die Zeit bis 1942 wurde historisch aufgearbeitet, erklärt der kaufmännische Direktor des Krankenhauses Hall, Wolfgang Markl. Für diese Zeit würden auch Listen mit den Namen der Patienten vorliegen, die von den Nazis deportiert wurden. "Jetzt verdichten sich die Hinweise, dass es auch nach dieser Zeit Verstorbene gab, die über der normalen Sterblichkeitsrate in dieser Zeit liegen", sagt Markl.

Im März soll mit der Bergung der Toten begonnen werden.
Archiv Psychiatrie des LKH in Hall (Bild: APA/TILAK)
Die Psychiatrie des Landeskrankenhauses in Hall ist hier auf einem undatierten Archivbild zu sehen.
Arbeiten wurden gestoppt
Die laufenden Arbeiten wurden vorerst gestoppt. Seitens der TILAK wurde eine Expertenkommission eingerichtet, um den Fund aufzuarbeiten. Dazu gehörten die Identifizierung der Toten, die wissenschaftlich korrekte Bergung des Friedhofes, die geschichtliche Aufarbeitung und die Klärung rechtlicher Fragen.
Das Krankenhaus Hall während der NS-Zeit
Eine umfassende Geschichte der Psychiatrischen Anstalt in Hall in Tirol konnte bisher noch nicht geschrieben werden. Bekannt ist, dass zwischen 1940 und 1942 360 Männer und Frauen deportiert wurden. Die Betroffenen wurden in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz gebracht und dort ermordet.

Der vierte und letzte Transport im Jahr 1942 ging nach Niedernhart bei Linz, wo die Betroffenen durch Medikamentenüberdosierung ermordet wurden. In den Jahren 1944 und 1945 stieg die Sterberate in der Anstalt in Hall markant an. Hinweise auf gezielte Tötung durch Medikamente in Hall gab es bisher nicht.
Neue Fakten für Historiker
Der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber sagt, dass die Zahl von 220 Toten "exorbitant hoch" sei. Bisher sei man von rund 100 Opfern ausgegangen. Schreiber erklärt, dass bereits seit einigen Jahren der Verdacht bestehe, dass man während dieser Zeit hunderte Menschen in Hall verhungern habe lassen. Gerichtsmediziner müssten nun die Todesursache klären. Das sei auch nach so vielen Jahren möglich, sagt Schreiber.

Sollte sich herausstellen, dass die Opfer in Hall mit Giftspritzen getötet wurden, sei das für die Historiker völlig neu. Es hätte zwar Pläne für ein "Euthanasie"-Programm mit Giftgas für Hall gegeben, diese wurden aber damals von der NS-Führung abgelehnt, sagt der Historiker Schreiber.
NS-"Euthanasie"
Im Zuge der "Euthanasie"-Programme der Nazis wurden tausende psychisch kranke und mental oder körperlich beeinträchtigte Menschen systematisch getötet. Für die Nazis war das "lebensunwertes" Leben. Diese Tötungen erfolgten in unterschiedlichen Phasen und Aktionen. Das diente auch dazu, um den Massenmord zu tarnen.

Bekannt ist unter anderem die Aktion "T4", die von einer Berliner Adresse abgeleitet wurde und Tarnname für die Ermordung von Patienten in Pflege- und Heilanstalten wurde. 1941 wurde die "Euthanasie" zwar offiziell verboten, im Zuge der "wilden Euthanasie" aber in unterschiedlichen Pflege- und Heilanstalten weiter betrieben.
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