Tirol ORF.at
MI | 11.04.2012
GERICHT
Damit ein Blick nicht den Prozess entscheidet
Seit über zehn Jahren gibt es die Prozessbegleitung. Nach Ansicht von Experten bewirkte sie bei Staatsanwaltschaft und Polizei viel. 2010 wurden in Tirol 60 Kinder und Jugendliche bei Gericht begleitet, die Opfer von Gewalt waren.
Vor Gericht soll sich ein Kind nicht erneut hilflos und ohnmächtig fühlen.
Konkrete Erfolge, geänderte Praxis
Die Psychologin Cornelia Veith vom Kinderschutzzentrum in Innsbruck ist seit mehreren Jahren Prozessbegleiterin. Prozessbegleitung, wie sie auch von der Erziehungsberatung angeboten wird, habe in Tirol viel bewirkt. So sei es mittlerweile zum Beispiel möglich, dass die polizeiliche Einvernahme der Gewaltopfer nicht im Polizeigebäude, sondern in den Räumen von Kinderschutzzentrum oder Erziehungsberatung stattfinde.

Auch die Staatsanwaltschaft sei sehr kooperativ, durch präzise gegenseitige Absprachen könne man ein Zusammentreffen von Beschuldigtem und Opfer am Gang vor dem Verhandlungssaal verhindern. "Schon ein Blickkontakt zwischen Täter und Opfer kann das Kind so fertig machen, dass es dann keine gute Aussage mehr zusammenbringt", sagt Veith.

Wünschenswert wäre aber ein eigener Zeugenschutzraum und ein zweiter Gerichtseingang, denn auch der Eingang ist ein potenzieller Ort des unerwünschten Zusammentreffens.
Zwei Schwerpunkte
Psychosoziale Prozessbegleitung von Kindern und Jugendlichen dient der Information und Stärkung der oft einzigen Zeugen im Laufe des Strafverfahrens. Sie werden zur Einvernahme bei der Polizei und der kontradiktorischen Einvernahme der Hauptverhandlung - also der Befragung des Opfers in einem Nebenraum des Hauptverhandlungssaales - begleitet.

Die juristische Prozessbegleitung berät und vertritt das Opfer in rechtlichen Belangen, fordert z.B. Schmerzensgeld. Die Anwälte erhalten dafür vom Justizministerium eine minimale Entschädigung.
Cornelia Veith (Bild: Kinderschutzzentrum)
Cornelia Veith (Bild) fordert eine bessere Qualifikation der Sachverständigen.
Gutachten ohne Kind
Ein Problem sei allerdings noch immer das Gutachten: Oft sei das Gutachten für das Gericht entscheidend, viele Gutachter hätten aber keine angemessene Spezialausbildung für Gewaltopfer. "Von moderner Trauma-Theorie haben die oft noch nichts gehört. Es gibt sogar Fälle, in denen ein Gutachten geschrieben wurde, ohne dass der Sachverständige das Kind überhaupt gesehen hat", kritisiert die Prozessbegleiterin.

Manche Gutachter würden es auch als suggerierte Antwort deuten, wenn ein Kind bei seiner Aussage zu sehr ins Detail gehe. Nur im Rahmen einer Spezialausbildung könnte vermittelt werden, wie Gewalt im Gedächtnis abgespeichert werde.
Ausschnitt Kinderbuch (Bild: Kinderschutzzentrum)
Gericht zum Anmalen - Wer ist wer? Was könnte mich der Richter alles fragen? Ausschnitt aus einem Kinderbuch zum Thema.
Gefahr der Retraumatisierung
Räumlichkeiten und Akteure kennenlernen
In ihrer Arbeit besuchen Prozessbegleiter, Kinder und Jugendliche schon vor der Verhandlung das Gerichtsgebäude, passieren die Eingangsschleuse, lernen Staatsanwältinnen und Anwältinnen kennen, inspizieren jenen Raum, in dem die kontradiktorische Einvernahme stattfindet und überlegen mögliche Fragen, die ihnen gestellt werden könnten.

"Je mehr Informationen sie haben, je eher sie die Situation vorhersehen können, umso ruhiger und leichter können Kinder und Jugendliche eine gute Aussage machen", erklärt Veith. Und davon hänge es ob, ob bei Aussage gegen Aussage ein Angeklagter auch verurteilt wird.
Nicht immer ist eine Anzeige die richtige Lösung für das betroffene Kind.
Anzeige sollte überlegte Entscheidung sein
Idealerweise beginne die Prozessbegleitung schon vor der Anzeige, erläutert Veith. Diese bringt die "Gerichtsmaschinerie" in Gang und kann nicht mehr zurückgezogen werden. Opfer körperlicher und sexueller Gewalt sollten sich sicher sein, dass sie die gerichtliche Verfolgung des Täters wirklich wollten und dass sie selbst das Verfahren auch durchstehen würden.

Veith: "Eine schlechte Aussage vor Gericht bringt oft einen Freispruch im Zweifel für den Angeklagten. Das ist für die Kinder und deren Bezugspersonen besonders enttäuschend!" Die Möglichkeit eines Freispruchs wird im Rahmen der Prozessbegleitung ausführlich thematisiert.
Zwei Drittel Mädchen, ein Drittel Burschen
Im Jahr 2010 wurden in Tirol 42 Mädchen und 18 Buben begleitet, außerdem auch neun Bezugspersonen wie Mütter oder andere Nahestehende. Dazu kamen noch 17 laufende Fälle aus dem Jahr 2009. Der Großteil war zum Zeitpunkt des Verfahrens zwischen zehn und 16 Jahre alt, berichtet Veith, die Vorfälle selbst liegen oft Jahre zurück.
Die Prozessbegleitung endet nicht mit dem Urteil, sondern bereits nach der Aussage des Kindes oder der Jugendlichen vor Gericht. "Wenn alles durchgestanden ist", erzählt die Psychotherapeutin Cornelia Veith, "gehen wir manchmal gemeinsam einen Kuchen essen und ein Saftl trinken".

Ulrike Finkenstedt, tirol.ORF.at
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