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MI | 11.04.2012
Mann in Psychiatrie (Bild: APA)
GESUNDHEIT
Wenn Papa peinlich ist - Kinder von Kranken
Papa räumt in der Nacht die Wohnung um, Mama steht seit Tagen nicht mehr auf. Kinder von Eltern mit psychischen Krankheiten haben Lebensumstände, die sie schwer meistern können. Ein Gespräch mit Psychologin Maria Fischer.
Zur Person
Die Psychologin Maria Fischer ist Verfasserin einer Studie über Kinder von psychisch Kranken. Die niedergelassene Psychotherapeutin leitet die Innsbrucker Regionalgruppe der Selbsthilfegruppe "Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter" (HPE), die vergangene Woche ihr 20-jähriges Jubiläum feierte.
Psychotherapeutin Maria Fischer (Bild: privat)
Maria Fischer hat sich intensiv mit dem Erleben der Angehörigen befasst.
Wie erleben Kinder psychisch kranke Eltern?
Maria Fischer: Kinder spüren, dass etwas anders ist. Sie fühlen sich oft schuldig, dass Mama und Papa nicht mehr in die Arbeit gehen, von Dingen reden oder Personen sehen, die die Kinder nicht sehen können. Das verunsichert Kinder in ihrer Wahrnehmung. Sie wissen nicht, ob sie dem trauen können, was sie selber sehen.

Kinder schämen sich auch für das Verhalten der Erkrankten. Sie phantasieren dann, woran das liegen kann. Es gibt z.B. eine Geschichte, in der ein Mädchen seine Lieblingspuppe im Garten versteckt, weil es hofft, dass die Mama dann wieder gesund wird.
Manche Kinder wollen sich bis zur Selbstaufgabe anpassen, andere rebellieren.
Wie passen sich die Kinder der Krankheit an?
Es gibt zwei Reaktionsweisen. Manche Kinder werden ganz brav, bemühen sich, keine Sorgen zu bereiten, ganz lieb zu sein und die verlieren sich dabei. Die anderen werden schwierig, sozial auffällig, aggressiv oder entwickeln Krankheiten. Das ist eigentlich die gesündere Variante, denn diese Kinder kriegen Zuwendung. Man schaut, was bei denen ist. Den Braven tut die schwierige Situation scheinbar nichts und die kriegen dann später Probleme.
Heute gut, morgen schlecht, übermorgen ...
Kinderzeichnung (Grafik: Mabuse Verlag)
Buchtipp: Sonnige Traurigtage. Schirin Homeier, Mabuse Verlag.
Kinderbuch, Ausschitt (Grafik: Mabuse Verlag)
Das Kinderbuch "Sonnige Traurigtage" schafft Möglichkeiten, über das Unaussprechliche zu reden.
In einer schwierigen Familie zu bleiben ist "gesünder" als von Mama und Papa getrennt zu werden.
Wie geht es den erkrankten Eltern?
Die Frage ist, ob sie mutig genug sind, sich Hilfen zu holen und offen mit ihrer Erkrankung umzugehen. Gut ist, wenn sie signalisieren können, was sie für das Kind tun können und wo sie Unterstützung brauchen. Leider wird das oft anders gesehen, so gibt es z.B. bei uns keine Einrichtung, in der psychisch kranke Mütter mit ihren Kindern wohnen können und betreut werden.

Ist es nicht besser, die Kinder in ein "gesundes Umfeld" zu bringen?
Wenn Kinder von den Müttern getrennt werden, ist das für die Kinder oft ein sehr großer Schmerz, sie verlieren damit etwas. Sie wollen unter allen Umständen zur Mama zurück. Besser wäre, die Kinder – auch wenn’s schwierig ist – bei den Müttern zu lassen und die in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken.
Was hat Mama nur?
Zeichnung Mutter auf Couch, Kind grübelt (Grafik: edition riedenburg)
Buchtipp: Annikas andere Welt. Siegrund Eder, Petra Rebhandl, Evi Gasser. edition riedenburg
Zeichnung aus Kinderbuch (Bild: edition riedenburg)
Wut, Trauer, Scham - im Kinderbuch (siehe Buchtipp) erlebt das auch Annika.
Wie kann man Kinder entlasten?
Erstens indem man schaut, dass es eine stabile Bezugsperson gibt, die emotional auf das Kind reagieren kann. Das kann der zweite Elternteil sein, oder die Großeltern, manchmal sind es die Nachbarn oder Eltern befreundeter Kinder. Dadurch kann das Kind Sicherheit und Konstanz erleben, das ist das Allerwichtigste.

Zweitens soll man die Kinder informieren. Wichtig ist, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie fragen können und dass man versucht, ihnen zu antworten. Vielleicht muss man manchmal sagen "Das kann ich nicht erklären, weil ich es selbst nicht weiß!", aber wichtig ist, sie zum Fragen zu motivieren und ihnen ehrlich zu antworten. Kinder spüren, das ist ein heikler Bereich, und trauen sich oft nicht zu fragen. Und Erwachsene denken, die Kinder verstehen es doch nicht, und dann spricht man gar nicht mit ihnen. Das ist nicht gut.

Und drittens brauchen Kinder dringend Zeiten unbeschwerten Spielens, wo sie am Spielplatz lachen und toben können wie alle anderen auch.

Ulrike Finkenstedt; tirol.ORF.at
Literaturhinweis für Erwachsene: Vergessen und überfordert: Kinder von psychisch Erkrankten
Maria Fischer, Sabine Gerster
Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle. München 2005
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